Doktor Max Kemmerich
Die Vorworte zur 1. und 2. Auflage von
Das Kausalgesetz der Weltgeschichte
Meiner geliebten Mutter
F r a u M a t h i l d e K e m m e r i c h
geb. Zech
in Dankbarkeit gewidmet
V o r w o r t z u r 1.
A u f l a g e
Dieses Buch handelt fast
ausschließlich von mir, und deshalb deckt sich der Titel nicht ganz
mit dem Inhalt. Aber das kümmert mich nicht. Ich interessiere mich
für mich selbst ganz außerordentlich, viel mehr als für
sonst etwas auf der Erde, und wer sich für mich ebenso interessiert,
der wird vielleicht aus der Lektüre Nutzen ziehen. Aber das werden
begreiflicherweise nur sehr wenige Menschen sein. Die andern, die gegen
meinen und ihren Willen das Buch in die Hand nahmen, bitte ich, es wieder
zuzuklappen. Sie tun mir und sich damit den größten Gefallen.
Überdies werden nur die allerwenigsten
Leser begreifen, was ich sage. Teils weil es ihnen an Intelligenz fehlt,
teils aus anderen Gründen. Das werden sie später schon merken.
Die haben auch keinen Nutzen, sie sollen ihrer Wege gehen und mich in
Ruhe lassen.
Dieses Werk stellt nicht nur an das Begriffsvermögen
die allerhöchsten Anforderungen, es ist auch nach der Überzeugung
des Autors eine ganz außergewöhnliche Leistung, von höchstem
inneren Wert. Nicht wahr, lieber Leser, das glaubst du nicht ? Ich täte
es an deiner Stelle auch nicht. Also klappe es zu.
Da aber der eine oder andere doch aus Neugier
— was ich nicht hoffe — oder aus Streben nach Erkenntnis in
den sauren Apfel beißen und trotz dieses Vorworts mit der Lektüre
beginnen wird, so bitte ich ihn, es nur dann zu tun, wenn er nicht nur
jede Zeile lesen, sondern auch über jede Zeile nachdenken will. Sonst
hat er keinen Nutzen, und das liegt nicht im beiderseitigen Interesse.
Ich lehne die Autorschaft für Zitate aus diesem Buche ab. Man kann
auch aus einem Hause nicht beliebig Steine herausreißen, in der
Absicht, durch ihr Vorzeigen dem andern eine Vorstellung von Grundriß,
Stil oder Konstruktion zu vermitteln.
Und nun will ich noch verraten, woher ich
meine philosophischen Kenntnisse bezog : aus Chr. Joh. Deters »Abriß
der Geschichte der Philosophie« (7. Aufl., Leipzig 1901), ein Büchlein,
das ich aber nicht einmal ganz gelesen habe. Außerdem aus Kirchner-Michaëlis
»Wörterbuch der philosophischen Begriffe« (4. Aufl.,
Leipzig 1903), endlich aus Meyers Konversationslexikon. Die weitere Literatur
steht an ihrer Stelle verzeichnet. Aber es ist nicht viel. Von Kant las
ich nie etwas, auch nicht von Schopenhauer oder andern Philosophen. Denn
das habe ich nicht nötig.
Doch muß ich drei Männern danken,
denn sie übten auf meine geistige Entwicklung, wenigstens soweit
dieses Werk davon Zeugnis ablegt, den nachhaltigsten Einfluß aus
: K a r l L a m p r e c h t, von dessen Deutscher Geschichte ich allerdings
nur den 1. Ergänzungsband gelesen habe, und T h e o d o r L
i p p s, von dem ich nie eine Zeile las. Doch nenne ich mich mit Stolz
ihr Schüler. Der Zauber ihrer sittlichen Persönlichkeiten hält
mich bis heute noch in ihrem Bann. Der dritte ist W i l h e l m O
s t w a l d, von dem ich nur die »Großen Männer«
kenne. Aber dieses Buch ist Voraussetzung des meinen und es wäre
zu wünschen, daß jeder ernste Leser — und für Scharlatane
schreibe ich nicht — erst Einsicht in dieses wundervolle Werk nehmen
würde.
Und nun, lieber Leser, wenn du immer noch
nicht die Lust verloren hast, dann darfst du mit der Lektüre beginnen.
Aber vergiß nicht : ich will gar nichts von dir ! Du willst etwas
von mir. Der Gebende bin ich !
München, Ende März 1913
D e r V e r f a s s e r.
V o r w o r t z u r 2.
A u f l a g e
Schneller
als erwartet war durch Empfehlung von Mund zu Mund die starke 1. Auflage
vergriffen. Fast widerstrebend ging ich an die Neubearbeitung dieses meines
Lebenswerkes, das mehr für die Nachwelt, als für die Zeitgenossen
bestimmt ist. Es ist kein Glück früher als 50 Jahre nach seinem
Tode für einen großen Mann zu gelten. Gerade bei einer Lebensbeichte
muß man mit Goethe sagen : »Ihr Beifall selbst macht meinem
Herzen bang«
Die Schwierigkeit der Neubearbeitung bestand
im wesentlichen darin, daß sich fast alle meine Vorhersagen bereits
erfüllt haben, und der Leser der neuen Auflage daher häufig
den Eindruck haben wird, es handle sich um Vaticinia post eventum. Nur
ein Vergleich mit der Erstauflage wird daher dem Verfasser gerecht werden
können. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist ohne Vergewaltigung
die neuen Vorhersagen den alten einzugliedern. Dabei ist zu berücksichtigen,
daß vieles, was für unerhört galt, als ich es vor einem
Jahrzehnt aussprach, heute Gemeingut zu werden beginnt. Denn die Zeit
wächst in meine Ideen hinein. Wird daher gerade der die Nutzanwendung
auf unsere Zukunft ziehende historische Teil nur von ephemerer Bedeutung
sein, so die anderen dafür von bleibender.
Wirtschaftliche Gründe verboten die
kostbare Ausstattung der Erstauflage und ließen die Herausgabe in
einem Bande ratsam erscheinen.
München, im August 1922
D e r V e r f a s s e r
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